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Grenzgänger zum „Gelobten Land“
Welche Regeln gelten in der
Freiheit? Bedeutet Freiheit völlige Deregulierung? Was – und vor allem wie
- wollen wir gestalten, was vor uns liegt?. Die Verhältnisse Israels vor gut
3000 Jahren waren sicherlich anders als 1989 im geteilten Deutschland. Die
Aufgabe der Gestaltung des gesellschaftlichen und privaten Lebens unter neuen
Bedingungen allerdings dürfte ziemlich vergleichbar sein. Es ging um die
nächste Etappe des Aufbruchs in das „Gelobte
Land“, in dem „Milch und Honig“ fließen sollen.
Die Ergebnisse der deutschen Einheit sind durchaus umstritten. Das war
übrigens bei den Israeliten nach ihrem Auszug aus der Sklaverei Ägyptens an
der Schwelle Kanaans nicht anders. Man(n) wusste, was man nicht (mehr) wollte,
und die Leute waren froh, das Alte endlich hinter sich lassen zu können. Wie
aber soll das Neue, Ungewisse, Unsichere Konturen bekommen? Was muss jeder
dazu beitragen? Wo finden die Leute in einer neuen Gesellschaft den
gemeinsamen Nenner (zumal Alteingesessene schon lange dort leben)? Nicht bloß
einzelne Ausreisende, sondern ein („halbes“) Volk kam hinzu!
Das Buch Der
Grenzgänger war der Anstoß, sich nach 20 Jahren den Resten
der schlimmen Grenze zwischen Ost und West zuzuwenden. Anhand passender
Bibelstellen bot sich die Gelegenheit zur Beschäftigung mit der Frage, wie
Gott als Herr der Geschichte in Vergangenheit und Gegenwart atemberaubend
eingreift.
Schön, wenn Grenzsteine Orte
markieren, aber die Freiheit nicht einschränken. Besser noch, wenn sie en
miniature als „Tischkarten“ einer illustren Männerrunde dienen. Den
Kontrast mit der - Gott sei Dank - vergangenen Wirklichkeit dazu liefert das Grenzdorf-Museum
Mödlareuth. Auf rücksichtslose Weise wurden zwischen 1952 und
1966 die 55 Dorfbewohner mittels Zaun ,
später Betonmauer, nicht nur voneinander getrennt, sondern die Teilung in
zwei unterschiedliche politische Systeme zementiert. Um so größer die
Sympathie mit dem Mann, der es dort als Einziger schaffte, über die Mauer zu
springen und „abzuhauen“.
Die Wanderungen entlang der – heute nur noch zwei Bundesländer abgrenzenden
– Saale auf den Resten des Kolonnenweges regten eine Männergeneration zu
Gesprächen an, die dieser Wandel von der Trennung zur Freiheit prägt.
Besonders spannend dabei war es mit den jüngeren Männern zu sprechen, die
den Mauerfall als Schulkinder und die DDR kaum bewusst erlebt hatten. Was
muss der nachfolgenden Generation erzählt werden, damit sie
die Älteren und ihre Gedanken, ihren Glauben, verstehen? Wie ist den Söhnen
(und Töchtern auch) zu erklären, warum wir so (geworden) sind, wie wir sind,
und woran wir festhalten, worauf man(n) vertraut?
Dabei bekamen die uralten Bibeltexte so etwas wie eine besondere Aktualität,
wenn über das „Gelobte Land“ und dessen Erkundung
durch „Agenten Israels“ einerseits und über „blühende
Landschaften“ andrerseits geredet wird. Was hat man uns
erzählt über das „westdeutsche Schlaraffenland“? Was hörten wir aus dem
Mund „west-reisender“ Rentner und von Verwandten ersten Grades? Was
erfuhren wir durch schwarze und andere Fernsehkanäle von Ochsen-
und anderen Köpfen über „die da drüben“? Wer lehrte uns
was über das scheinbar unerreichbare Territorium, die „Nogo-Area BRD“?
Der Mauerfall führte zu einer neuen Staatsbürgerschaft,
wie schon Paulus festgestellt hatte! Und das ist überhaupt kein Widerspruch
zur Einheit, wie das der Gottesdienst in der Männerrunde im kleinen, feinen Freizeitheim
im fränkischen Reitzenstein zeigte. Wie plastisch der Satz in Eph.
4, 3 ist, war an den beiden Begegnungen mit „West-Männern“
aus Hof und in Steinbach an der Haide zu erleben.
Gut, wenn jenseits aller Klischees Männer von beiden Seiten der ehemaligen
Grenze miteinander reden, Erfahrungen austauschen, die sie selbst gemacht
haben. Unsere Brüder aus Hof jedenfalls besuchten schon vor dem Mauerfall die
DDR. Sie kannten – im Gegensatz zu manchem „DDR-Bürger“ - vieles „auf
der anderen Seite“ aus eigener Anschauung. Einmal mehr erweist sich der
christliche Glaube als „höhere Ebene“, auf der sich Menschen treffen
unabhängig von ihrer geografischen oder auch staatlichen Zugehörigkeit. Das
mindert nicht den Gesprächsbedarf, wie die Diskussion in der Skihütte Steinbach
an der Haide mit Männern aus Ludwigstadt zeigte. Aber es
stiftet Gemeinschaft ganz unabhängig von unterschiedlichen Lebenserfahrungen.
So kann Mann mit
Gott über Mauern springen.
Text: Thomas Lieberwirth Fotos:
Thomas Lieberwirth, Helmut Mädler, Jan Schmidt, Lutz Fleischer
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