Männer-Rüstzeit an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze

12. -16. Mai 2010 


Grenzgänger zum „Gelobten Land“

Welche Regeln gelten in der Freiheit? Bedeutet Freiheit völlige Deregulierung? Was – und vor allem wie - wollen wir gestalten, was vor uns liegt?. Die Verhältnisse Israels vor gut 3000 Jahren waren sicherlich anders als 1989 im geteilten Deutschland. Die Aufgabe der Gestaltung des gesellschaftlichen und privaten Lebens unter neuen Bedingungen allerdings dürfte ziemlich vergleichbar sein. Es ging um die nächste Etappe des Aufbruchs in das „Gelobte Land“, in dem „Milch und Honig“ fließen sollen.
Die Ergebnisse der deutschen Einheit sind durchaus umstritten. Das war übrigens bei den Israeliten nach ihrem Auszug aus der Sklaverei Ägyptens an der Schwelle Kanaans nicht anders. Man(n) wusste, was man nicht (mehr) wollte, und die Leute waren froh, das Alte endlich hinter sich lassen zu können. Wie aber soll das Neue, Ungewisse, Unsichere Konturen bekommen? Was muss jeder dazu beitragen? Wo finden die Leute in einer neuen Gesellschaft den gemeinsamen Nenner (zumal Alteingesessene schon lange dort leben)? Nicht bloß einzelne Ausreisende, sondern ein („halbes“) Volk kam hinzu!
Das Buch Der Grenzgänger war der Anstoß, sich nach 20 Jahren den Resten der schlimmen Grenze zwischen Ost und West zuzuwenden. Anhand passender Bibelstellen bot sich die Gelegenheit zur Beschäftigung mit der Frage, wie Gott als Herr der Geschichte in Vergangenheit und Gegenwart atemberaubend eingreift.
Schön, wenn Grenzsteine Orte markieren, aber die Freiheit nicht einschränken. Besser noch, wenn sie en miniature als „Tischkarten“ einer illustren Männerrunde dienen. Den Kontrast mit der - Gott sei Dank - vergangenen Wirklichkeit dazu liefert das Grenzdorf-Museum Mödlareuth. Auf rücksichtslose Weise wurden zwischen 1952 und 1966 die 55 Dorfbewohner mittels Zaun, später Betonmauer, nicht nur voneinander getrennt, sondern die Teilung in zwei unterschiedliche politische Systeme zementiert. Um so größer die Sympathie mit dem Mann, der es dort als Einziger schaffte, über die Mauer zu springen und „abzuhauen“.
Die Wanderungen entlang der – heute nur noch zwei Bundesländer abgrenzenden – Saale auf den Resten des Kolonnenweges regten eine Männergeneration zu Gesprächen an, die dieser Wandel von der Trennung zur Freiheit prägt. Besonders spannend dabei war es mit den jüngeren Männern zu sprechen, die den Mauerfall als Schulkinder und die DDR kaum bewusst erlebt hatten. Was muss der nachfolgenden Generation erzählt werden, damit sie die Älteren und ihre Gedanken, ihren Glauben, verstehen? Wie ist den Söhnen (und Töchtern auch) zu erklären, warum wir so (geworden) sind, wie wir sind, und woran wir festhalten, worauf man(n) vertraut?
Dabei bekamen die uralten Bibeltexte so etwas wie eine besondere Aktualität, wenn über das „Gelobte Land“ und dessen Erkundung durch „Agenten Israels“ einerseits und über „blühende Landschaften“ andrerseits geredet wird. Was hat man uns erzählt über das „westdeutsche Schlaraffenland“? Was hörten wir aus dem Mund „west-reisender“ Rentner und von Verwandten ersten Grades? Was erfuhren wir durch schwarze und andere Fernsehkanäle von Ochsen- und anderen Köpfen über „die da drüben“? Wer lehrte uns was über das scheinbar unerreichbare Territorium, die „Nogo-Area BRD“?
Der Mauerfall führte zu einer neuen Staatsbürgerschaft, wie schon Paulus festgestellt hatte! Und das ist überhaupt kein Widerspruch zur Einheit, wie das der Gottesdienst in der Männerrunde im kleinen, feinen Freizeitheim im fränkischen Reitzenstein zeigte. Wie plastisch der Satz in Eph. 4, 3 ist, war an den beiden Begegnungen mit „West-Männern“ aus Hof und in Steinbach an der Haide zu erleben.
Gut, wenn jenseits aller Klischees Männer von beiden Seiten der ehemaligen Grenze miteinander reden, Erfahrungen austauschen, die sie selbst gemacht haben. Unsere Brüder aus Hof jedenfalls besuchten schon vor dem Mauerfall die DDR. Sie kannten – im Gegensatz zu manchem „DDR-Bürger“ - vieles „auf der anderen Seite“ aus eigener Anschauung. Einmal mehr erweist sich der christliche Glaube als „höhere Ebene“, auf der sich Menschen treffen unabhängig von ihrer geografischen oder auch staatlichen Zugehörigkeit. Das mindert nicht den Gesprächsbedarf, wie die Diskussion in der Skihütte Steinbach an der Haide mit Männern aus Ludwigstadt zeigte. Aber es stiftet Gemeinschaft ganz unabhängig von unterschiedlichen Lebenserfahrungen.

So kann Mann mit Gott über Mauern springen.

 

Text: Thomas Lieberwirth Fotos: Thomas Lieberwirth, Helmut Mädler, Jan Schmidt, Lutz Fleischer


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