Aus unserer Arbeit 2009

Männerarbeit der Ev.-Luth. Landeskirche Sachsens

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Männer im Maschinenhaus Löbau beten und arbeiten
(22. bis 25.Oktober in Löbau)

Wenn ein langer, schwerer Güterzug anfährt, ist ein aufeinanderfolgendes Poltern zu hören. Das liegt am Spiel der Kupplungen zwischen den Wagen, die nacheinander losrollen. So bringt die Lok ihre Anhängelast leichter in Fahrt. Das lässt sich auf schwere Lebensabschnitte und auf den christlichen Glauben übertragen: Es muss nicht alles auf einmal sein, Eins nach dem Andern hilft Kräfte schonen.
Abgefahren ist der Zug zu dieser ungewöhnlichen Rüstzeit bereits zum dritten Mal. „Ich habe mich auf euch gefreut“, verriet dem „kirchlichen Küchenchef“ während der drei Tage eine dort beschäftigte Löbauerin. Schon mal kein schlechter Empfang für die doch etwas seltsame „fromme“ Truppe von 18 Männern und zwölf Jungen. Die Kirche spielte in diesen drei Tagen unter technischen Denkmalen mit „dampf- und dieselgeschwängerten Eisenteilen“ eine nicht unbedeutende Rolle.

U-Boot, Knödelpresse und Eisenschwein
Eisenbahnfreunde haben ihre Schienenlieblinge im Laufe der Zeit mit unterschiedlichsten (Spitz-)Namen versehen. Sind dem Außenstehenden schon die Baureihen-Nummern ein Brief mit sieben Siegeln, so erst Recht die „Kose-Namen“ für Loks. Während die preußische P 8 als „Mädchen für alles“ noch die Phantasien der Männer einigermaßen anregt, dürften „Taigatrommel“ und „Ludmilla“,  „Gartenlaube“ und „Jumbo“ beim normalen Bahnfahrgast nur noch Kopfschütteln hervorrufen. Von der „dicken Babelsbergerin“ und dem „Holzroller“ ganz zu schweigen. Für Laien ist das nur „Schall und Rauch“. Der Fachmann jedoch beschreibt damit etwas Charakteristisches des jeweiligen Schienenfahrzeugs. Daniel Huth, der Pfarrer, der den Rüstzeit-Zug ins Rollen brachte, hatte für jeden Mann die Bedeutung seines Vornamens recherchiert. Was wird den Trägern der Namen dabei durch den Kopf gegangen sein? Und was haben sich die Eltern bei der Namensgebung gedacht? „Nomen est Omen“ – (Je)der Name ist Programm! Treffend heißt es in der Bibel dazu:
Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! (Jesaja 43, 1)
Ein starkes Wort: hintergründig, wesentlich. Eine Absichtserklärung mit weitreichenden Folgen für meinen persönlichen Lebenszug (wenn ich es will).

Zupackende Männerhände
Im 150jährigen Maschinenhaus, auf dem großen Gelände und am Fahrzeugpark gibt es viel Arbeit, die den Verein Ostsächsische Eisenbahnfreunde e.V. stark fordert. Den Überblick dafür vermittelte der Fachmann vor Ort, Herr Zacher. Erstaunlich, was diese Freizeit-Initiative im Laufe der Jahre geleistet hat. Das fortzuführen, dazu war die christliche Gemeinschaft aus Männern im Alter von zehn bis 71 Jahren angetreten. So wurden Sträucher im Gleisbett entfernt, Schotter und Schwellen getauscht, Gräben verfüllt, Bauschutt verladen, der Schlackenkanal gereinigt, Loks mit neuer Rostschutzfarbe versehen und Holz fürs Anfeuern der vereinseigenen Dampflok zum Trocknen aufgeschichtet.

Männergemeinschaft bei Eisenbahn und Essen
Viele Hände „schaffen ein schnell(er)es Ende“ - nicht nur bei der Arbeit. Auch das Leben unter einem Dach im Schlaf- bzw. Werkstattwagen, im „Bghw-(Versammlungs-)Raum“ des Lokschuppens, beim Essen und Reden sowie beim Küchendienst zeugten vom Teamgeist. Ohne den ginge es bei der Bahn ohnehin nicht. Auf Schienen kann keiner allein etwas in Bewegung bringen – allenfalls auf der Modellbahn zuhause im Keller.
Darum drehte sich besonders das Thema des Gottesdienstes im Lokschuppen am Sonntagvormittag. Wie geht es dem Lokführer, der seine Schicht allein auf dem Führerstand bei stundenlanger Fahrt ohne Klo, dafür technisch überwacht, verbringt? Was, wenn der Mann auf dem Führerstand in einen tödlichen Unfall mit Menschen im Gleis verwickelt und ungewollt „zum Täter gemacht“ wird? Wie schwer trägt er an den seelischen Folgen, wer hilft ihm dabei? War so eine Situation früher (mit Heizer bzw. Bei-Mann) leichter zu schultern? Ganz allgemein: Wer spannt sich vor die Karre des Lebens eines anderen, so wie bei schweren Zügen eine „Vorspanne“ selbstverständlich ist? Manchmal scheint es im wirklichen Bahnbetrieb leichter zu sein mit schweren Lasten fertig zu werden als im Menschenleben!
Dass es anders geht, zeigt eine Begebenheit aus dem Neuen Testament. Da fragt ein Befehlshaber der römischen Besatzungstruppen, ob Jesus seinen untergebenen Soldaten aus dessen elender Krankheit erlösen kann. Ein Vorgesetzter bittet für einen Unterstellten, nimmt dessen Not ernst, stempelt ihn nicht als Schwächling ab (Matthäus 8, 5-13). Wohl dem Mann, der sich solcher Hilfe erfreuen kann. Wohl dem Jungen, der solche Männer um sich hat, die sich für ihn stark machen.

Sonderfahrt zwischen Vergangenheit und Zukunft
Mit der mintgrün-lichtgrauen „Blutblase“, also dem Schienenbus des Vereins mit Steuerwagen, ging samstags die Fahrt zunächst zur ITL-Werkstatt in Kamenz. Herr Barth, der Leiter, empfing die Besatzung aus Rüstzeitgruppe und Ostsächsischen Eisenbahnfreunden vor dem ehemaligen Reichsbahn-Lokschuppen. Inzwischen werden dort alle Fahrzeuge dieses privaten Eisenbahnverkehrsunternehmens gewartet, von der alten V 15 bis zur hochmodernen TraXX-Lok der Baureihe 186 einschließlich aller Fristuntersuchungen. Höchst interessant ist die Geschichte dieses sehr erfolgreichen Betriebes. Er entstand Anfang der neunziger Jahre aus einem auf der Schiene mit drei Güterwagen und einer Lok vorgenommenen Abrissmaterial-Transport einer Recycling–Firma. Heute ist ITL im internationalen Güterverkehr erfolgreich tätig mit inzwischen 40 eigenen Loks und über 800 Waggons. Eine neue, größere Werkstatt soll demnächst an einem günstigeren Platz die alte ersetzen. Aus den Worten des Werkstattleiters war deutlich der Stolz auf die Arbeit in „seinem“ Unternehmen herauszuhören. Und „wie bestellt“ für die Schienenbuspassagiere waren auf der weiteren Tour über Dresden-Friedrichsstadt und Coswig zur nächsten Station in Priestewitz von acht Güterzügen sieben (!) von ITL-Loks gezogen, darunter der „Blue-Tiger“.

Um den Kirchturm mit dem Zug
Wenn schon fahren, dann etwas weiter als „bloß um den Kirchturm“, klar. Wer will nicht mal ’raus aus seiner unmittelbaren Umgebung. Nicht bloß auf den Bahnhof „hobeln“, sondern „Meter machen“ mit einer modernen E-Lok. Die erste deutsche Fernbahn Leipzig – Dresden verläuft beim Bahnhof Priestewitz unweit der Ortschaft Wantewitz (drei Gehöfte, eine „riesige“ Kirche!). Jeder Zug umfährt in einem großen Bogen das auf einem Hügel stehende markante und gut sichtbare Gotteshaus. Der Blick vom Kirchturm auf die genannte Strecke, sowie auch jene von Dresden nach Berlin, ist sehr eindrucksvoll.
Die Besucher der Kirche konnten sich von der hellen, schlichten Ausgestaltung des Innenraumes überzeugen. Einen ungewöhnlichen Zusammenhang zwischen dem „Signal des Kreuzes“ im Altarraum und der Lebensgeschichte eines deutschen Lokführers in Frankreich* stellte Daniel Huth her. Das eine ist das christliche Zeichen des Retters der Menschheit, Jesus Christus. Der andere (Lokführer) war der Lebensretter der Passagiere eines Schnellzugs, die unter Beschuss alliierter Bomber gerieten.

Die Fahrt ging auf der niederschlesischen Magistrale über Hoyerswerda und Niesky nach Görlitz und zurück nach Löbau. Noch existiert ab Knappenrode das Flair einer eingleisigen Reichsbahnstrecke mit Formsignalen sowie den alten Backstein-Bahn-Bauten. In absehbarer Zeit soll durch zweigleisigen Ausbau samt Elektrifizierung aus der „Museumsbahn“ eine leistungsfähige internationale Güterverkehrslinie werden.

* („Monsieur Erwinè“ aus: Feuer-Wasser-Kohle. Ein Lokführer erinnert sich. Von Joachim Kretschmann, Berlin,1988)

Text: Thomas Lieberwirth

Fotos: Kasten Schriever, Thomas Lieberwirth

 


 

 


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