Wenn ein langer, schwerer
Güterzug anfährt, ist ein aufeinanderfolgendes Poltern zu hören. Das
liegt am Spiel der Kupplungen zwischen den Wagen, die nacheinander
losrollen. So bringt die Lok ihre Anhängelast leichter in Fahrt. Das
lässt sich auf schwere Lebensabschnitte und auf den christlichen
Glauben übertragen: Es muss nicht alles auf einmal sein, Eins nach dem
Andern hilft Kräfte schonen.
Abgefahren ist der Zug zu dieser ungewöhnlichen Rüstzeit bereits zum
dritten Mal. „Ich habe mich auf euch gefreut“, verriet dem „kirchlichen
Küchenchef“ während der drei Tage eine dort beschäftigte
Löbauerin. Schon mal kein schlechter Empfang für die doch etwas
seltsame „fromme“ Truppe von 18 Männern und zwölf Jungen. Die
Kirche spielte in diesen drei Tagen unter technischen Denkmalen mit „dampf-
und dieselgeschwängerten Eisenteilen“ eine nicht unbedeutende Rolle.
U-Boot,
Knödelpresse
und Eisenschwein
Eisenbahnfreunde haben ihre
Schienenlieblinge im Laufe der Zeit mit unterschiedlichsten (Spitz-)Namen
versehen. Sind dem Außenstehenden schon die Baureihen-Nummern ein Brief
mit sieben Siegeln, so erst Recht die „Kose-Namen“ für Loks.
Während die preußische P 8 als „Mädchen
für alles“ noch die
Phantasien der Männer einigermaßen anregt, dürften
„Taigatrommel“
und „Ludmilla“,
„Gartenlaube“ und „Jumbo“
beim normalen Bahnfahrgast nur noch Kopfschütteln hervorrufen.
Von der „dicken
Babelsbergerin“ und dem
„Holzroller“
ganz zu schweigen. Für Laien ist das nur „Schall und Rauch“.
Der Fachmann jedoch beschreibt damit etwas Charakteristisches des
jeweiligen Schienenfahrzeugs. Daniel Huth, der Pfarrer, der den
Rüstzeit-Zug ins Rollen brachte, hatte für jeden Mann die Bedeutung
seines Vornamens recherchiert. Was wird den Trägern der Namen dabei
durch den Kopf gegangen sein? Und was haben sich die Eltern bei der
Namensgebung gedacht? „Nomen est Omen“ – (Je)der Name ist
Programm! Treffend heißt es in der Bibel
dazu:
„Und
nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht
hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich
habe dich bei deinem Namen gerufen;
du bist mein! (Jesaja 43, 1)
Ein starkes Wort: hintergründig, wesentlich. Eine
Absichtserklärung mit weitreichenden Folgen für meinen persönlichen
Lebenszug (wenn ich es will).
Zupackende Männerhände
Im 150jährigen Maschinenhaus,
auf dem großen Gelände und am Fahrzeugpark gibt es viel Arbeit, die
den Verein
Ostsächsische Eisenbahnfreunde e.V. stark fordert. Den
Überblick dafür vermittelte der Fachmann vor Ort, Herr Zacher.
Erstaunlich, was diese Freizeit-Initiative im Laufe der Jahre geleistet
hat. Das fortzuführen, dazu war die christliche Gemeinschaft aus
Männern im Alter von zehn bis 71 Jahren angetreten. So wurden
Sträucher im Gleisbett entfernt, Schotter und Schwellen getauscht,
Gräben verfüllt, Bauschutt verladen, der Schlackenkanal gereinigt,
Loks mit neuer Rostschutzfarbe versehen und Holz fürs Anfeuern der vereinseigenen
Dampflok zum Trocknen aufgeschichtet.
Männergemeinschaft bei Eisenbahn
und Essen
Viele Hände „schaffen ein
schnell(er)es Ende“ - nicht nur bei der Arbeit. Auch das Leben unter
einem Dach im Schlaf- bzw. Werkstattwagen, im „Bghw-(Versammlungs-)Raum“
des Lokschuppens, beim Essen und Reden sowie beim Küchendienst zeugten
vom Teamgeist. Ohne den ginge es bei der Bahn ohnehin nicht. Auf
Schienen kann keiner allein etwas in Bewegung bringen – allenfalls auf
der Modellbahn zuhause im Keller.
Darum drehte sich besonders das Thema des Gottesdienstes im Lokschuppen
am Sonntagvormittag. Wie geht es dem Lokführer, der seine Schicht
allein auf dem Führerstand bei stundenlanger Fahrt ohne Klo, dafür
technisch überwacht, verbringt? Was, wenn der Mann auf dem Führerstand
in einen tödlichen Unfall mit Menschen im Gleis verwickelt und
ungewollt „zum Täter gemacht“ wird? Wie schwer trägt er an den
seelischen Folgen, wer hilft ihm dabei? War so eine Situation früher
(mit Heizer bzw. Bei-Mann) leichter zu schultern? Ganz allgemein: Wer
spannt sich vor die Karre des Lebens eines anderen, so wie bei schweren
Zügen eine „Vorspanne“ selbstverständlich ist? Manchmal scheint es
im wirklichen Bahnbetrieb leichter zu sein mit schweren Lasten fertig zu
werden als im Menschenleben!
Dass es anders geht, zeigt eine Begebenheit aus dem Neuen Testament. Da
fragt ein Befehlshaber der römischen Besatzungstruppen, ob Jesus seinen
untergebenen Soldaten aus dessen elender Krankheit erlösen kann. Ein
Vorgesetzter bittet für einen Unterstellten, nimmt dessen Not ernst,
stempelt ihn nicht als Schwächling ab (Matthäus
8, 5-13). Wohl dem Mann, der sich solcher Hilfe erfreuen
kann. Wohl dem Jungen, der solche Männer um sich hat, die sich für ihn
stark machen.
Sonderfahrt zwischen Vergangenheit
und Zukunft
Mit der mintgrün-lichtgrauen „Blutblase“,
also dem Schienenbus des Vereins mit Steuerwagen, ging samstags die
Fahrt zunächst zur ITL-Werkstatt
in Kamenz. Herr Barth, der Leiter, empfing die Besatzung aus
Rüstzeitgruppe und Ostsächsischen Eisenbahnfreunden vor dem ehemaligen
Reichsbahn-Lokschuppen. Inzwischen werden dort alle Fahrzeuge dieses
privaten Eisenbahnverkehrsunternehmens gewartet, von der alten V 15 bis
zur hochmodernen TraXX-Lok der Baureihe 186 einschließlich aller
Fristuntersuchungen. Höchst interessant ist die Geschichte dieses sehr
erfolgreichen Betriebes. Er entstand Anfang der neunziger Jahre aus
einem auf der Schiene mit drei Güterwagen und einer Lok vorgenommenen
Abrissmaterial-Transport einer Recycling–Firma. Heute ist ITL
im internationalen Güterverkehr erfolgreich tätig mit inzwischen 40
eigenen Loks und über 800 Waggons. Eine neue, größere Werkstatt soll
demnächst an einem günstigeren Platz die alte ersetzen. Aus den Worten
des Werkstattleiters war deutlich der Stolz auf die Arbeit in „seinem“
Unternehmen herauszuhören. Und „wie bestellt“ für die
Schienenbuspassagiere waren auf der weiteren Tour über
Dresden-Friedrichsstadt und Coswig zur
nächsten Station in Priestewitz
von acht Güterzügen sieben (!) von ITL-Loks gezogen, darunter der „Blue-Tiger“.
Um den Kirchturm mit dem Zug
Wenn schon fahren, dann etwas
weiter als „bloß um den Kirchturm“, klar. Wer will nicht mal ’raus
aus seiner unmittelbaren Umgebung. Nicht bloß auf den Bahnhof „hobeln“,
sondern „Meter machen“ mit einer modernen E-Lok. Die erste deutsche
Fernbahn Leipzig – Dresden verläuft beim Bahnhof Priestewitz unweit
der Ortschaft Wantewitz
(drei Gehöfte, eine „riesige“ Kirche!). Jeder Zug umfährt in einem
großen Bogen das auf einem Hügel stehende markante und gut sichtbare
Gotteshaus. Der Blick vom Kirchturm auf die genannte Strecke, sowie auch
jene von Dresden nach Berlin, ist sehr eindrucksvoll.
Die Besucher der Kirche konnten sich von der hellen, schlichten
Ausgestaltung des Innenraumes überzeugen. Einen ungewöhnlichen
Zusammenhang zwischen dem „Signal des Kreuzes“ im Altarraum und der
Lebensgeschichte eines deutschen Lokführers in Frankreich*
stellte Daniel Huth her. Das eine ist das christliche Zeichen des
Retters der Menschheit, Jesus Christus. Der andere (Lokführer) war der
Lebensretter der Passagiere eines Schnellzugs, die unter Beschuss
alliierter Bomber gerieten.
Die Fahrt ging auf
der niederschlesischen Magistrale über Hoyerswerda und
Niesky nach Görlitz und zurück nach Löbau. Noch existiert ab
Knappenrode das Flair einer eingleisigen Reichsbahnstrecke mit
Formsignalen sowie den alten Backstein-Bahn-Bauten. In absehbarer Zeit
soll durch
zweigleisigen Ausbau samt Elektrifizierung aus der „Museumsbahn“
eine leistungsfähige internationale Güterverkehrslinie werden.
*
(„Monsieur Erwinè“ aus: Feuer-Wasser-Kohle. Ein Lokführer erinnert
sich. Von Joachim Kretschmann, Berlin,1988)
Text: Thomas Lieberwirth
Fotos: Kasten Schriever,
Thomas Lieberwirth