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Bericht von Thomas Lieberwirth:

Mit dem Glauben ist es wie mit der Eisenbahn: während in unsrer gewohnten (deutschen) Umgebung dieses Verkehrsmittel einen zunehmenden Vertrauens- und Bedeutungsverlust erleidet, gibt’s beispielsweise in der kleinen Schweiz Bahnen, auf die Verlass ist. Über pünktliche Züge reden hieße die Alpen in die Eidgenossenschaft tragen. Man(n) kommt überallhin und vor allem hoch!
„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen – Hilfe kommt!“, könnte man etwas freizügig formulieren.
Das wollten 33 Männer zwischen zehn und 72 Jahren erleben und stiegen in den Trekkingzug der Südostbahn (SOB), der Lebensraum für acht Tage Männerwirtschaft. Hier wurde gekocht und geputzt,
(ab)gewaschen und umgeräumt. Von Männern, mit Männern, für Männer. Motto: „Freie Fahrt für Lebenszüge.“

Von selbst gesuchten Opas und Rat suchenden Vätern
Die bunte Truppe unterschiedlichen Alters bot neue Chancen. So nahm sich einer der Jungen (s)einen „Miet“-Opa. Er zog bei Exkursionen mit seinem neuen großväterlichen Freund Hand in Hand los. Man(n) braucht sich gegenseitig! So eine Gemeinschaft bietet auch die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch über Lebensfragen. Da kommt bisweilen allerhand zusammen in einem Männerleben, was Mann lieber hinter sich lassen würde. Zum Glück ist in so einem Rahmen guter Rat nicht teuer – man(n) muss ihn nur suchen. Und mancher hat ihn gefunden! 
Bibel und Bahn
Klar – die Bibelgespräche waren „eisenbahnlastig“. Denn es gibt sie, die wieder auferstandenen Bahnstrecken, die ganze Regionen beleben. Warum nicht am Sonntag (russisch: Woskreschenje) mal über die himmlische Perspektive des Lebens reden?! Wenn Männer in ihrem (Glaubens-) Alltag unter Dampf - oder vielmehr „unter Strom“ - stehen, dann brauchen sie regelmäßig Wartung. Wann lässt Mann seine Zwischen- und Hauptuntersuchungen machen? Wo ist die Werkstatt, wer ist der Meister für das Zugpferd...? Auch Männer brauchen Pflege – an Leib Seele und Geist!
Nicht nur bei der Bahn, gerade im Leben junger Männer müssen Weichen gestellt werden. Sie sollen ankommen am Ziel und das möglichst ohne Entgleisung.
„Ich muss mich auf meinen Fahrdienstleiter verlassen, der gibt vor, wohin die Reise geht“, so sagte uns der Wahlschweizer Benjamin. Der gebürtige 23jährige Sachse arbeitet seit zwei Jahren als Lokführer. Sein viel sagendes Bekenntnis für Arbeit und Glauben konnten Jüngere wie Ältere gut nachvollziehen. 
Südostbahn und Kirche
Einsiedeln mit seinem weltberühmten Kloster verdankt die SOB ihre Entstehung. Wegen der vielen Pilger wurde die erste Bahnlinie von Wädenswil herauf gebaut. Die nach wie vor technisch sehr anspruchsvolle Bahn mit Steilstreckenabschnitten von bis zu 50 %0 Steigung wird heute im 30- bzw. 15 min-Takt befahren - mit modernsten Fahrzeugen, versteht sich. In der Werkstätte der Südostbahn verschafften sich die Teilnehmer ein Einblick in die Leistungsfähigkeit der Bahntechnik und in die praktische Berufsausbildung von jungen Schlossern. Dabei fiel natürlich der Blick auf einen weiteren Produktionszweig des Werkes: Echtdampf-Modell-Loks für Gartenbahnen. Manch einer hätte gleich so ein Teil mitgenommen, aber der Preis für ein Exemplar verhinderte dann doch größeres Heimreisegepäck.
Für die Modellbauer unter den Teilnehmern dürften zwei Ausstellungen im alten Klosterort interessante Perspektiven vermittelt haben: das größtes Krippen-Diorama der Welt und das Golgatha-Panorama. Letzteres ist eine plastische Runddarstellung der Kreuzigung Jesu im historischen Jerusalem mit beeindruckender Perspektive durch eine perfekte umlaufende Kulisse. 
Hilfseinsatz bei „Hardcore“-Modellbahnern
Kleine und große Männer konnten Ihre Lokführer-Träume verwirklichen beim Modelleisenbahnclub Einsiedeln (MECE - eine „echt hammerstarke, schräge“ Truppe). Das Freigelände der vereinseigenen Gartenbahnanlage war 2007 von einem Hochwasser im Zuge eines lokalen Unwetters total zerstört worden. Davon war in einschlägigen Medien zu lesen.
Gerade erst im Juli wurde die Anlage nach aufwendigen Aufbauarbeiten neu eröffnet. Die eisenbahnbegeisterten (und Flut erprobten) Sachsen vereinbarten mit dem Präsidenten des Vereins vor ihrem Aufenthalt einen Arbeitseinsatz. Maler-, Erd- und Gartenarbeiten wurden erledigt, so dass nach gut vier Stunden das Gelände sichtbar schöner aussieht. Zur Belohnung gab es dann neben zünftiger Grillwurst Eisenbahnfahrten mit außergewöhnlichen Gartenbahn-Loks – sogar mit echtem Dampfbetrieb. Als besonderes Zugpferd erwies sich jedoch ein beeindruckendes Modell einer amerikanischen Diesellok F 7 der Santa Fe mit überzeugendem Originalsound. Sowohl 10jährige als auch 72jährige krönten damit ihre Amateur-Lokführer-Laufbahn! Männeraugen glänzten – „das Kind im Manne“ war wiedergeboren.
Und wer noch nicht genug hatte, der schaute sich im Dorfzentrum Einsiedeln die Spur O-Anlage mit exzellenten Selbstbaumodellen an. Die hat vor allem ein fast 80jähriger Rentner in Handarbeit selbst gebaut. Sein lakonischer Kommentar: „Ich habe ja genügend Zeit.“ 
Gotthard total – oder: Machen wir uns die Welt passend?
Zweifellos ist das Gotthardmassiv mit seiner berühmten klassischen Bahnstrecke samt Scheiteltunnel eine bis heute faszinierende Leistung des menschlichen Ingenieurgeistes. Die Erbauer wussten Technik und Landschaft zu vereinen, um Menschen und Länder miteinander zu verbinden.
Bei der Besichtigung der (Jahrtausend-)Baustelle des neuen Basistunnels (57 km lang, voraussichtlich 2017 fertig!) kann der interessierte Laie nur ergriffen staunen. Aber es stellen sich angesichts des gigantischen Vorhabens auch (selbst-)kritische Fragen ein:
Wie weit will (darf) der Mensch sich die Schöpfung „passend“ machen? Was muss alles so dringend und binnen kürzester Zeit „in rauen Mengen“ hin- und her transportiert werden?
Wie im Großen so im Kleinen: Worauf bereiten Väter ihre Jungs vor? Sollen ihnen die Schwierigkeiten bei Auseinandersetzung mit der Umgebung erspart, das Leben quasi um die eigenen Wünsche herum gebaut werden? Oder ist nicht vielmehr der Weg über den Berg mit allen Kunstbauten, Anstrengungen und auch Gefahren das realistischere Lebensprogramm? Es ist nicht nur eine Kostenfrage! Die Gefahr ist groß, dass man am Ende buchstäblich „in die Röhre kuckt.“
Der Einblick jedenfalls in die Tunneltechnik war ein symbolischer Hintergrund für das Thema, welche (neuen) Trassen werden für mein Leben angelegt? Wie wird das ganze tragfähig und verkehrssicher? Jesaja (wahrscheinlich besser bekannt als „Weihnachtsprophet“, er gab den Anstoß zum Lied „Es ist ein Ros entsprungen“) lässt grüßen, wenn es heißt „... was uneben ist, soll gerade, was hügelig ist, soll eben werden...“ Fragt sich nur, für wen?! Im
Verkehrshaus Luzern konnte man der technischen wie auch der symbolischen Seite dieses Tunnelbaus weiter nachsinnen anhand des neuen Ausstellungsweges „Alpenquerung“.
Übrigens: für den faszinierten Fahrgast im Schnellzug durch die Gotthardkehrtunnel war die beste Orientierung die berühmte Kirche zu Wassen. Die Eisenbahn dreht sich buchstäblich um dieses Gotteshaus – richtet man(n) den Blick darauf weiß man ziemlich genau, wo der Zug ist, in dem man selber sitzt. 
Vorspann – Verstärkung für’s Leben
Die schweren Güterzüge über die Gotthardbahn brauchen zusätzliche Loks – im Fachjargon „Vorspann“ oder „Doppeltraktion“. Ab einer bestimmten (Grenz-)Last – abhängig vom Typ der Lok – muss eine weitere an den Zug. Die Fachleute vom SBB-Depot Erstfeld haben klipp und klar erklärt, wie das funktioniert – mit Hilfe von Computer und Fingerspitzengefühl (Erfahrung). Das ist im persönlichen Leben nicht anders. Es gibt Passagen, da reicht die Kraft des Einzelnen nicht mehr aus, um vorwärts zu kommen. Man(n) braucht einen, der sich „vor meine Karre spannt“. Wie z. B. der römische Offizier für seinen kranken Legionär. Die Logik des Hauptmanns von Kafarnaum machte selbst Jesus kurz sprachlos. Gut, wenn Männer wissen, wie sie Hilfe organisieren, damit sie „über den Berg“ kommen. Das ist eine Glaubensfrage. 
Fahren auf Sicht
Thomas konnte es nicht nachvollziehen, was ihm seine Kumpels berichteten. Sein Credo lautete ganz zeitgemäß: „Ich glaube nur, was ich sehe.“ Stimmt das wirklich? Was ich sehe, brauche ich doch nicht mehr zu glauben?! Wer sieht z. B. die schon fertige Röhre des neuen Gotthardbasistunnels? Oder gar die Treue seiner Frau, wenn er das Eheversprechen bei der Trauung hört?
Fahren auf Sicht ist die Ausnahme bei der Bahn, in der Regel gelten Signale. Sie zeigen den voraus liegenden, nicht einsehbaren Zustand an! Technik sorgt dafür, dass kein Signal überfahren wird, selbst wenn der Lokführer pennen würde! Welch’ ein Segen! Ach ja: Gesegnete sind „signierte“ (mit dem Signum Gottes bezeichnete) Menschen. Gut, wenn ein Pfarrer wie Daniel Huth sowohl vom Glauben als auch von Gleisen etwas versteht – er ist eben ein richtiger „Schmalspur-Theologe“ *. 
Bahn, Berge und Beine
Nein, es ging nicht nur auf Schienen voran. Natürlich hätte die Rigi (Regina – Königin der Berge) per Zahnradbahn erklommen werden können. Aber das Mannsvolk war wanderwütig und mutete sich den Aufstieg über satte 1200 m Höhendifferenz per Pedes zu. Vier Stunden, das meiste im Trüben, dazu noch Nieselregen waren so zwar nicht geplant, aber sie haben es geschafft – und wurden anschließend problemlos von der Arth-Rigi-Bahn wieder zum Ausgangspunkt zurück befördert. 
Service mit Selbstverständlichkeit
Männerarbeit funktioniert ja bekanntlich nicht ohne Frauen – da hatten wir besonders in der Managerin dieses einmaligen Quartiers, Frau Reichlin, unsere kompetente Ansprechpartnerin. Sie ist die „erste Adresse“für Trekkingzugpassagiere neben vielen anderen SOB-MitarbeiterInnen am Fahrkartenschalter und in Eisenbahndienststellen.
Bei allen schönen Erinnerungen bleibt nun auch
etwas Wehmut über die letzte derartige Reise im Trekkingzug der SOB. Er wird demnächst wegen Verschleißerscheinungen an den vier Waggons vom rollenden zum stehendem Ferienhaus. Und das auch bloß noch für kurze Zeit. Schade!
Wir Sachsen hoffen jedoch, dass der Erfindungsgeist und das unkonventionelle Management bei der SOB für eine Neuauflage des Trekkingzuges sorgen werden. Sächsische Männer würden dann auf jeden Fall wieder ein- und damit bzw. von dort aus umherziehen. Und bei Bedarf legen wir mit Hand an, damit ein neuer Treckingzug ins Rollen kommt... Übrigens: Sogar die Körperpflege wird zum Erlebnis, wenn das Duschen beispielsweise im Zivilschutz-„Bunker“ – und bloß auf Anruf hin – erfolgen kann. 
Zu guter Letzt eine wichtige Erfahrung: Man kann ohne Auto eine Woche als Gruppe leben und sich selbst versorgen. Kaum zu glauben?
Nein, es ist wie mit dem Glauben: es geht!

* Daniel Huth ist Pfarrer in Obercunnersdorf, seine Kindheit hat er an der Schmalspurbahn im Zittauer Gebirge verbracht, sein Opa war dort Lokführer.
Text: Thomas Lieberwirth
Fotos: Karsten Schriever, Peter Stockmann, Thomas Lieberwirth |