DER SONNTAG berichtet:
Dampf
machen
Von einer Eisenbahnrüstzeit im Lokschuppen |
| Löbau
– »Wir haben kein Werkzeug!« Ein Ruf hallt durch alte
Gleisanlagen, zwischen Lokschuppen und Lagerhäuser hindurch, vorbei
an Lokomotiven, Waggons, Triebwagen. Und er bleibt fast ungehört.
Immerhin kreischen auf dem Löbauer Eisenbahngelände schon ab 10
Uhr am Sonnabendmorgen die Schleifmaschinen, ziehen Väter und Söhne
Drahtbürsten kreischend über den Rost. |
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Joachim
Haas und sein zwölfjähriger Sohn Johannes sind extra aus Baden-Württemberg
gekommen, um mit anderen Christen eine alte Lok zu sanieren.
Eingeladen zum Einsatz in Löbau hatte die Männerarbeit der sächsischen
Landeskirche.
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Die
Männer und Jungs, die dort so fleißig werkeln, sind keine
Vereinsmitglieder. 30 Bahnbegeisterte haben sich hier freiwillige
zum Dienst angemeldet bei den Ostsächsischen Eisenbahnfreunden. Sie
trafen sich am verlängerten ersten Oktoberwochenende zu einer
Eisenbahnfreizeit in Löbau.
Für Joachim Haas aus Baden-Württemberg sind die Loks das, was
anderen der Fußball ist: »Die schönste Nebensache der Welt.«
Betonung auf Nebensache, das ist dem Mann mit der dunklen
Arbeitshose, dem Vollbart und der Schutzbrille auf der Nase wichtig.
»Der Glauben, die Begegnung mit Christus und das Zusammensein mit
anderen Menschen stehen an vorderster Stelle.« Deshalb sei er der
Einladung zur Rüstzeit der Männerarbeit der sächsischen
Landeskirche gefolgt. Sagt’s und schleift weiter den Rost von
einer Rangierlok. Diese wollen die Teilnehmer – die meisten aus
Sachsen – wieder auf Vordermann bringen. Über Joachim Haas, auf
dem Kessel der Lok, »bürstet« sein zwölfjähriger Sohn Johannes.
Ihm macht das Ganze einfach Spaß und er freut sich, dass noch
andere Jungs in seinem Alter mit von der Partie sind. Die Jeans sind
nach ein paar Minuten von Ölflecken und Roststaub überzogen. Aber
über so etwas macht man sich als Bahnfan am allerwenigsten
Gedanken.
Genächtigt haben die großen und kleinen Männer im Schlafwagen der
Eisenbahnfreunde und im Lokschuppen. Die Freizeit unter dem Motto »Weichen
stellen und Dampf machen für das Leben« war schnell ausgebucht,
erinnert sich Mitorganisator Daniel Huth aus Obercunnersdorf bei Löbau.
Der junge Pfarrer ist selbst Bahnfreund. Er muss vor allem
fotografieren, zum Beispiel jetzt, wenn zwei Männer Metallplatten
über ein Loch im Lokschuppen hieven. Dort soll am Sonntag der
Gottesdienst stattfinden.
Doch vorher gehen die Männer auf Fahrt: mit historischer Lok nach
Tschechien. Zwei dürfen vorn heizen, andere kellnern oder sorgen für
Ordnung sorgen. Besonders die Heizerjobs seien sehr begehrt, so
Pfarrer Huth.
Die Idee für dieses Wochenende ist ihm bei Eisenbahnfreizeiten in
der Schweiz gekommen. Dort sind die Teilnehmer allerdings nur auf
dem Gleis gereist und haben nicht geschuftet. Der Kontakt zu den
Ostsächsischen Eisenbahnfreunden war schnell hergestellt. Deren
Chef, Alfred Simm, ist für solche Ideen immer zu begeistern. »Das
hier ist ein Versuch für uns, mal sehen, wie es ankommt, wie es läuft«,
sagt Huth. Er ist fasziniert: »Wir arbeiten hier mit einem Verein
zusammen, der mit Glauben eigentlich nichts zu tun hat.«
Thomas Lieberwirth, Landesgeschäftsführer der Männerarbeit, kommt
mit Drahtbürsten – direkt aus dem Baumarkt. Schnell haben die
Werkzeuge Abnehmer gefunden. Im Lokschuppen wird langsam Platz
geschaffen, es riecht nach Öl. Die Fenster sind blind, an den Wänden
hängen Ruß und Staub aus alten Dampftagen. »Ohne Dampf kein Druck«
soll Thema des Gottesdienstes werden.
Druck ausüben, dass muss Johannes Haas nun schon eine ganze Weile,
und: »Das kostet ganz schön Kraft«. Aber von der Lok herunter
bringt den zwölfjährigen Jungen so schnell erstmal nichts.
www.ostsaechsische-eisenbahnfreunde.de |
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Irmela
Hennig
13.10.2005
DER SONNTAG - Ausgabe: 42-2005 |
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